Social Networks – wie social darf es sein?

Ich glaube, mich zu Recht zu den Early Adoptern im Internet zählen zu dürfen – auch was Social Networks betrifft. Kaum hatte zu Hause mein Analog-Modem, das mir Zugang ins Internet verschaffte, trieb ich mich auch schon im Usenet rum. Das Usenet ist älter als das www (World Wide Web), was aber nicht mehr als ein interessanter Fakt für Netzhistoriker ist, denn im Zeitalter von Facebook und Twitter spielt es heute für die meisten Leute kaum mehr eine Rolle. Dabei kann man es aus gewissen Gesichtspunkten durchaus als einen Urahn der heutigen Social Networks bezeichnen.

Als ich mich also damals, 1999, vermehrt in diesem Usenet rumtrieb (bevorzugt in ch.talk, später auch öfter in ch.soc.politics) und dort auch etliche durchaus interessante Bekanntschaften machte, tönte es aus dem Umfeld in meinem sogenannten Real Life: „Aber was verbringst du da auch so viel Zeit – das sind doch alles keine echten Bekanntschaften!“ Falsch!, wusste und entgegnete ich schon damals. Allein schon die Diskussionen, die wir führten, waren wie im echten Leben: Manchmal spassig, es wurde auch viel geblödelt, aber auch viel politisiert, gestritten und wieder versöhnt (oder auch nicht), verbündet – und man traf sich auch in eben diesem Real Life in mehreren ct-Treffs. (Historisch für alle, die dabei waren: der ct-Treff 1 in der Pizzeria Molino in Winterthur, von dem leider keine Bilder mehr online sind.)

Irgendwann im Laufe der Zeit hatten Neonazis und andere Trolls mit zweifelhafter Motivation die Oberhand über ch.talk gewonnen. Ein Versuch mit einer moderierten Gruppe namens ch.talk.moderated gelang nur halbwegs – die Gruppe dümpelt mit wenig Teilnahme vor sich hin. Gewisse Bereiche des Usenet sind aber bis heute durchaus rege belebt, oder es finden dort zumindest bereichernde Diskussionen statt. Es sind dies jedoch vor allem Gruppen in spezifischen Fachbereichen wie etwa ch.soc.law, de.comp.sys.mac.misc etc. Was ch.talk betrifft, waren aber schon vorher die meisten der alten ch-Talker in die bekannten Social Networks wie Twitter, Facebook, Google+ emigriert – oder auch nach Instagram.

social-networksAuf Instagram traf ich auch rookie74 (Name geändert). Sie lebt in einer wunderschönen Gegend Nordenglands, die wir in unseren Ferien vor zwei Jahren selber bereist haben. Auf der Suche nach Bildern von dort traf ich eben auch Rookie74. Eine sympathische Frau mit Familie, leicht hippiemässiger Lebensstil, viele schöne Landschaftsaufnahmen und Bilder ihrer Kinder. Mir gefielen ihre Aufnahmen immer sehr gut. Wir kommentierten auch ein paarmal gegenseitig unsere Bilder, wie mans auf Instagram halt so macht.

Nun fahre ich diesen Sommer mit dem Auto nach Schottland. Eine gute Gelegenheit, die Swaledales wieder zu besuchen, und warum bei dieser Gelegenheit nicht auch gleich einen Abstecher bei Rookie machen? So schrieb ich in das damals aktuellste Bild ihres Fotostreams: „I’m driving to Scotland this summer some time end of July Any chance of visiting you on the way…?“

Da hab ich wohl irgend etwas falsch gemacht. Rookie74s Reaktion war jedenfalls, dass sie mich – nein, nicht einfach nur entfolgte, sondern blockierte. Das hinterlässt nun doch ein komisches Gefühl. Hält sie mich nun für einen Stalker? Ich muss es fast annehmen. Wirklich wissen werde ich es wohl nie. Ich werde in ein paar Tagen zwar wie geplant in die Swaledales fahren, aber dort sicher nicht Rookie74 aufsuchen, um sie das zu fragen.

Gelernt habe ich aber Folgendes: So nett eine Bekanntschaft in einem Social Network auch sein mag – ein Treffen im „Real Life“ muss deshalb nicht unbedingt erwünscht sein.

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2 Kommentare

  1. Die Reaktion finde ich schon etwas heftig und gibt zu denken. Nicht über dein evtl. geplantes Treffen, sondern über diesen Entfolungs- und Blockierwahn. Normalerweise kann so ziemlich jeder mit einem Nein leben und alles wäre gut. Schade eigentlich, denn mit social hat so eine Reaktion nichts zu tun.

    1. Ja, die Reaktion hat mich auch ziemlich irritiert, weil ich erst nicht sicher war, ob ich da was Unanständiges gemacht habe.

      Ganz abgesehen davon, dass es idiotisch ist, auf Instagram jemanden zu blockieren – ich muss mich nur ausloggen, und schon sehe ich wieder das ganze Profil, wenn dieses öffentlich ist (was bei Instagram die Regel ist). Auch ist mein Kommentar nach wie vor sichtbar, solange er nicht von Hand gelöscht wird. Hier spiegelt Instagram seinen Nutzern eine falsche Sicherheit vor; die meisten merken das gar nicht.

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