Ein Nachruf auf das Europäische Sprachenportfolio

ESP

Nutzlos geworden: Schülermaterial für das Europäische Sprachenportfolio

Soll niemand sagen, man habe es nicht vorher gewusst, oder es habe niemand die Entscheidungsträger darauf aufmerksam gemacht.

Immer wieder erlebt die Primarschule Hypes, die kommen und gehen, ohne wesentliche Spuren zu hinterlassen. Einige dieser Hypes tun dies einigermassen kostenneutral – etwa der Hype „Konsequentes Hochdeutsch“ –, andere kosten so richtig viel Geld.

Unserem scheidenden Regierungsrat Bernhard Koch, der während seiner Zeit als Vorsteher des Bildungsdepartements im Fahrwasser seines Zürcher Amtskollegen Ernst Buschor zahlreiche grössere Schulreformen gleichzeitig einführte, haben wir die Einführung des Europäischen Sprachenportfolio (ESP) zu verdanken. Mit viel bürokratischem und propagandistischem Aufwand wurden für die gesamte Lehrerschaft obligatorische Weiterbildungskurse organisiert, in denen der korrekte Einsatz des ESP erlernt wurde. Nichts gegen diese Kurse! Sie wurden von den Leitenden mit viel Herzblut einer – gelinde gesagt – nicht allzu motivierten Kursteilnehmerschaft vermittelt, und wer mit der richtigen Einstellung kommt, der lernt immer und überall etwas. Ich lernte an dem Kurs viel über Sprachkompetenzen. Das ESP selber aber kam in meinem Schulzimmer (wie in sehr vielen anderen) kaum je richtig zur Anwendung.

Das Problem lag in einer ohnehin bereits überladenen Stundentafel. Als ob die zeitlichen Ressourcen für das Französisch in der 5. und 6. Klasse nicht ohnehin schon viel zu knapp bemessen waren, durften wir nun also zusätzlich in die zwei Wochenlektionen auch noch das ESP reinpacken. Wenn man sich an das von den Kursleitern vorgeschlagene Minimum hielt, war das auch ganz knapp realistisch, wobei man sich dann auch fragen musste, was der Sache überhaupt noch bringt. Gewissenhaft und mit einiger Anstrengung füllte ich mit meiner Klasse im ersten Jahr dann auch die ESP-Ordner aus.

Mit der Realität wurde ich dann am Ende des Schuljahres konfrontiert, als der Schulleiter der abnehmenden Oberstufe an meinem damaligen Schulort uns abgebenden Primarlehrpersonen an einer Sitzung beiläufig mitteilte:

Wir haben beschlossen, dass wir das ESP bei uns an der Oberstufe vorläufig nicht machen.

Wir wussten alle, dass sowas früher oder später passieren würde, aber gleich im ersten Jahr der notabene obligatorischen Umsetzung, das war schon ein bisschen überraschend.

Das war vor rund fünf Jahren. Heute habe ich die letzten ESP-Unterlagen entsorgt, die an meinem neuen Schulort seit Jahren nutzlos rumliegen.

Was das ESP kostete:

Europ. Sprachenportfolio I Handreichung ohne Ordner 2.-5. Sj.
Fr. 44.00 (pro Lehrperson)

Europ. Sprachenportfolio I, Schülerunterlagen, ohne Ordner 2.-5.Sj.
Fr. 9.60 (pro Schulkind)

Ordner zu allen Europ. Sprachenportfolio
Fr. 5.00 (pro Schulkind)

Lingualevel – CDs und Software zur Evaluation von Fremdsprachenkompetenzen
Französisch und Englisch
Fr. 180.00 (Laufzeit der Lizenz: 2 Jahre)

 

Nachtrag

Ich will nicht sagen, dass das ESP aus den Schulstuben grundsätzlich verschwunden ist. Jedenfalls nicht überall. Wo mit dem ESP gearbeitet, geschieht dies aber oft in reduziertem Umfang und ohne das dazugehörende Material zu verwenden; so auch bei uns. Für die Ordner und Unterlagen, die ich heute aus meinem Zimmer entfernt habe, ist hier jedenfalls kein Bedarf mehr.

Mancherorts wird das ESP nach wie vor im Sinne des Erfinders angewendet (s. Kommentar von Regula). Grundsätzlich ist das ESP ja auch eine gute Sache: Es ist ein sehr präzises Instrument zur Erfassung der Sprachkompetenzen der Kinder. Allerdings ist es damit in der Umsetzung auch sehr zeitaufwendig – Zeit, die in den meisten Fächern ohnehin schon (zu) knapp bemessen ist und zwangsläufig woanders eingespart werden muss. So ist es letztlich eine Abwägung und ein Entscheid, wo die zur Verfügung stehenden Ressourcen ab besten eingesetzt werden.

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3 Kommentare

  1. Also bei uns dürftest du damit nicht richtig liegen. Nur Konsequenzen hat es vermutlich auch bei uns keine, denn wir kopieren die Unterlagen für die Sch, die nichts aus der Pirmarschule mitbringen. Die Tests aus dem Lingualevel sind übrigens tiptop und werden bei uns auch unterm Jahr gemacht.

  2. Guter Text und sehr viel Wahrheit drin. Tja, wie bei so vielem in der Bildungslandschaft: auch hier sind wohl viel oder zu viele Ressourcen „verbraten“ worden.

    Andy Berner Schulleitung Primarschule Altnau http://www.primarschule-altnau.ch

    Mit Nokia Windows 8 Mobil gesendet ________________________________

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