Fürsorglichkeit

Selbständigkeit kann nur lernen, wer auch Gelegenheit dazu hat

Als ich den Blogpost „Kinder-Überwachung: Die letzte Meile ist geschlossen“ schrieb, dachte ich mir, das mit den Überwachungs-Apps sei’s nun aber gewesen mit der lückenlosen Kontrolle über Tätigkeit und Kontrolle von Kindern. Doch wie ich heute im Mamablog erfuhr, gibts auch dafür noch eine Steigerung: So gibt es offenbar Privatschulen, welche ihre Schützlinge mit einer Smart-Card ausrüsten:

„Die Smart-Card ist ein Schülerausweis mit Foto, der registriert, wann der Schüler die Schule oder das Klassenzimmer betritt. Die Karte vermerkt zudem, wann und was das Schulkind zu Mittag gegessen hat und wie viel es dafür ausgegeben hat. Der Ausweis ermöglicht den Zugang zur Schulbibliothek und dient zur Kontrolle, wo sich das Kind auf dem Schulgelände befindet – schon im Schulbus oder noch in der Turnhalle?“ – Mamablog

Kürzlich hatte ich mit einer Lehrerkollegin eine Diskussion über eine Schülerin, die ohne Wissen, geschweige denn Erlaubnis ihrer Eltern an einem schulfreien Nachmittag nach Konstanz fuhr. Wie sie diesen verbracht hatte wissen wir nicht und soll hier auch nicht Thema sein. Ich erinnere mich nur, dass es für mich (Jg. 1968) als Kind nie ein Thema war, solcherlei Ausflüge alleine unternehmen zu dürfen.

Hauptstrasse in Tobel TG: Auch wenn auf diesem Bild grad kein Auto zu sehen ist schon seit Jahrzehnten eine stark befahrene Durchgangsstrasse.

Blick vom Primarschulhaus auf die Hauptstrasse in Tobel TG: Auch wenn auf diesem Bild grad kein Auto zu sehen ist schon seit Jahrzehnten eine stark befahrene Durchgangsstrasse.
(Bild: tobel-taegerschen.ch)

Oft fuhr ich alleine oder mit Kollegen in die Stadt, in jüngerem Alter mit dem Zug, ab der 4. Klasse auch mal mit dem Fahrrad. Darüber hatte meine Lehrerkollegin dann doch etwas gestaunt. Dabei war es bei meinen Eltern nie ein Thema, dass dies zu gefährlich gewesen wäre . War es auch nicht, obwohl die Hauptstrasse von Tobel nach Wil schon damals eine stark befahrene Verkehrsachse war. Nur einmal verbot mir mein Vater am Mittagstisch, die 7 Kilometer nach Wil mit dem Velo zu fahren: Es hatte damals frisch geschneit und die Strassen waren wegen dem geräumten Schnee verengt, weswegen er diese Velofahrt für zu gefährlich hielt. Da nützte es auch nichts, dass mein Schulkollege die Erlaubnis seiner Eltern gehabt hatte. Nun denn, fuhren wir halt wieder mal mit dem Zug.

Rückblickend bin ich immer noch dankbar für meine Kindheit ohne überfürsorgliche Eltern, die auch Vertrauen in die Selbständigkeit ihrer Kinder hatten (weswegen wir diese auch früh erlernen konnten). Ich bin überzeugt, dass eine Kindheit ohne Überwachungs-Apps und Smart-Cards eine qualitativ bessere ist.

In Erinnerung gerufen sei hier noch einmal das Bild, welches ich letzten Januar bereits einmal gepostet hatte:

How far a child is allowed to walk on their own, then vs. now

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