Lehrplan 21

Ja, Medienkompetenz ist wichtig

Die Aargauer Grünen liefern heute ein gelungenes Beispiel, warum Medienkompetenz wichtig ist. Und ich meine jetzt nicht den amtierenden Badener Stadtpräsidenten, sondern den Verantwortlichen für den Parteiauftritt auf Twitter.

Bildschirmfoto 2014-08-17 um 14.53.16

 Vielleicht wäre der untere Tweet nie abgeschickt worden, wären die Betreiber während ihrer Schulzeit in den Genuss des Fachbereichs „Medienbildung“ gekommen, wie es der Lehrplan 21 vorsieht (dessen Einführung im Kanton Aargau soeben um ein paar Jahre zurückgestellt wurde. Dies allerdings nicht unbegründet – Konsolidierung kann im Bildungswesen gegenwärtig auch nicht schaden.)

Religion im Schulzimmer – ernsthaft?

Religionen

Dass wir es in der Schweiz mit der Trennung von Religion und Staat nicht so genau nehmen ist nichts Neues. Bislang ging ich davon aus, dass diese Trennung wenigstens an Thurgauer Schulen einigermassen konsequent erfolgt. Wohl sind Thurgauer Schulen verpflichtet, den Landeskirchen unentgeltlich Räume für deren Religionsunterricht zur Verfügung zu stellen, und im Lehrplan gibt im Bereich „Realien“ den Unterbereich „Biblische Geschichte, Religion und Kultur“, dessen Bezeichnung allein an der Neutralität des Staates in Sachen Religion zweifeln lässt. Da für Lehrpersonen aber keinerlei konkrete Verpflichtung besteht, diese Themen auch in den Unterricht einfliessen zu lassen, kann man das Thema Religion bislang ohne Konsequenzen aus dem Schulzimmer raushalten.

Trotzdem schadet es nicht, mal nachzulesen, was im Thurgauer Lehrplan unter „Biblische Geschichte, Religion und Kultur“ eigentlich verstanden wird. Unter dem Punkt „Allgemeines“ heisst es dort:

Das Gedankengut des Christen- und Judentums hat die abendländische Kultur und Lebensweise wesentlich mitgeprägt. Insbesondere beeinflusst es massgeblich Wertvorstellungen, Sitten und Normen unserer Kultur. Die Kenntnis wesentlicher Inhalte der Bibel und deren Wirkungsgeschichte gehört daher zum Bildungsgut. Sie ermöglicht es, grosse Bereiche der Literatur, Musik, bildenden Kunst und Architektur insbesondere Europas besser zu verstehen.

Es gibt säkular denkende, sich der Aufklärung verpflichtet fühlende Lehrpersonen und ganz sicher auch Eltern, für die solche staatlich verordnete Hypothesen nicht einfach zu verdauen sind. Natürlich lässt es sich endlos streiten, ob die Aufklärung nun trotz oder wegen der christlichen Kultur hat stattfinden können. Dass aber unser moderner Bundesstaat mit basisdemokratischer Mitbestimmung, Gewaltentrennung, Minderheitenschutz, Menschenrechten und Religionsfreiheit (was man auch wörtlich verstehen darf: religions-frei) harmonisch und übergangslos aus den „christlichen Werten“ entstanden sein soll, ist wohl auch für kirchennahe Personen schwer vorstellbar.

Wenn also schon davon die Rede ist, dass „Christen und Judentum massgeblich“ die „Wertvorstellungen, Sitten und Normen unserer Kultur“ beeinflussen, dann sollte auch der Beitrag derjenigen nicht vergessen werden, welche unsere heute gültigen westlichen Werte erdacht und erkämpft haben. Rechte, die für uns in der Schweiz heute nicht mehr wegzudenken sind wie die Persönlichkeitsrechte, das Recht auf Meinungsfreiheit, das Recht auf Gewissensfreiheit, das Recht auf Selbstbestimmung, das Recht auf Bildung und viele andere heute bei uns als selbstverständlich geltende Rechte, die nicht unbedingt dem ideologischen Hintergrund von Religion und Kirchen entwachsen, sondern Errungenschaften der Aufklärung sind.

Thugauer Schulblatt 6

Ich hätte diesen Blogbeitrag nicht geschrieben, wäre nicht dieser Tage das Thurgauer Schulblatt unter dem Titel „Von und über Religionen lernen“ erschienen.

Viel ist darin die Rede von der „christlichen Tradition als Erbe der Schweiz“ und vom „Lernen von Religion“ als „Lernen über sich selbst„. Es kommen Katechetinnen und Religionspädagoginnen zu Wort, Vertreter der jüdlischen und islamischen Religion, christliche und mormonische Pastoren und auch eine Sektenberaterin. Das Interview mit Letzterer ist lesenswert, zumal sie sich vom theologischen Sektenbegriff distanziert, der unter Sekten Gemeinschaften versteht, die neben der Bibel zusätzlich ausserbiblische Wahrheiten und Offenbarungen beiziehen oder die heilige Schrift umdeuten.

Dennoch habe ich mich beim Überfliegen des Schulblattes, das zu lesen ich als Thurgauer Lehrperson verpflichtet bin, gefragt, was mir mein Kanton mit dieser Religionspropaganda (man kann es durchaus als solche bezeichnen) sagen will. Ist es ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass ich als einer, der bislang Religion und Schule bewusst strikt getrennt hat, mich mit den mir anvertrauten Kindern nun in Teaching About Religion üben soll, wie es bereits in anderen Kantonen der Fall ist?

Ich fühle mich von solchen Aufforderungen jedenfalls reflexartig abgestossen. Religion gehört nicht ins Schulzimmer – in diesem Punkt bin ich ganz fundamentalistisch. Und sollte mich mein Staat und Arbeitgeber je nötigen, gegen meine Überzeugung die Religion in mein Schulzimmer reinzulassen, dann werde ich den Fokus auf eine Epoche legen, die sich sehr stark mit Religionen auseinandergesetzt hat: die Aufklärung.

ICT-Standards und Lehrplan 21: Eine Gegenüberstellung

Lehrplan 21Grosses Thema im deutschschweizer Bildungsbereich ist gegenwärtig der Lehrplan 21, bei dem auch der Bereich ICT und Medien ausreichend berücksichtig wird.

Aktuell gelten im Kanton Thurgau die so genannten ICT-Standards, die sich auf die Unter-, Mittel- und Sekundarstufe aufteilen. Dem gegenüber stehen im Lehrplan 21 Kompetenzbereiche, die von der Unter- bis zur Sekundarstufe erarbeitet werden sollen (wobei sich nicht alle Kompetenzbereiche über alle Stufen erstrecken).

Hier eine kommentarlose Gegenüberstellung der ICT-Standards und der Kompetenzbereiche des Lehrplan 21, auch zum Download als PDF.

ICT-Standards - Lehrplan 21 | S1

ICT-Standards - Lehrplan 21 | S2

ICT-Standards - Lehrplan 21 | S3

Thurgauer Schulen: Paradigmenwechsel in Sachen ICT

Diesen Freitag besuchte ich das Bildungsforum Romanshorn. Es war in vieler Hinsicht eine sehr aufschlussreiche Veranstaltung, an der grösstenteils die „Neuen Medien“ im Vordergrund standen. Da ich zu diesem Thema in letzter Zeit doch ziemlich viele Referate gehört habe und mich auch persönlich auf dem Laufenden halte, erwartete ich nicht, allzu viel Neues zu erfahren, doch da sollte ich mich täuschen. Nachträglichen Eindruck gemacht haben mir das Referat des Zukunftsforschers Georges T. Roos und der Auftritt von André Stern, der, in Frankreich aufgewachsen, Zeit seines Lebens nie eine Schule besucht hat und von seinen Eltern auch nicht beschult wurde, deswegen aber trotzdem ganz und gar nicht auf den Kopf gefallen ist. (Und während man so dachte, dass sowas in der Schweiz sicher nicht möglich sei, holte Moderator Kurt Aeschbacher noch eine im Saal anwesende Schweizer Jugendliche auf die Bühne, die bis vor kurzem weder eine Volksschule besuchte noch beschult wurde, nun aber ans Euregio Gymnasium in Romanshorn geht und gegenwärtig noch nicht weiss, ob sie danach Physik studieren oder Blumenbinderin werden soll).

ICT an der Schule

Bildbearbeitung mit einer Primarschulklasse: Der Thurgau vertritt nun die Position, dass der bisher vertretene rein integrative Ansatz nicht für alle ICT-Ziele ausreicht.

An dieser Stelle aber den Inhalt des Bildungsforums zu besprechen führte zu weit. Ich möchte hier vor allem noch eine weitere Aussage erwähnen, die eher nebenbei fiel, die jedoch für unseren Schulalltag in den nächsten Jahren Konsequenzen haben wird.

Abschied vom rein integrativen Ansatz

So erklärte der Amtschef des Thurgauer Amtes für Volksschule Walter Berger, dass es zu überlegen gilt, was in der ICT integrativ eingeführt werden kann und in welchen Bereichen spezielle Gefässe geschaffen werden müssen. Und an anderer Stelle plädierte Thomas Merz, Medienexperte und Prorektor der PH Thurgau, dafür, künftig ICT durch speziell dafür ausgebildete Lehrpersonen unterrichten zu lassen.

Ich weiss nicht, ob dies schon zuvor kommuniziert wurde, doch ich jedenfalls habe eine solche Aussage Seitens des Thurgauer Amtes für Volksschule gestern zum ersten Mal gehört, denn bislang lautete die Position des AV: „Es gibt kein neues Fach ICT“.  Nun bedeutet „Gefässe schaffen“ noch nicht zwingend, damit auch gleich ein neues Fach in die Stundentafel einzuführen, doch man räumt ein, dass es nicht genügt, die Kinder im Regelunterricht nebenbei auch noch etwas am PC arbeiten zu lassen. Über die überfällige Erkenntnis kann man sich freuen oder sich andererseits daran stören, dass nun wieder mal mit Salamitaktik nach anfänglicher Beschwichtigung der Lehrerschaft durch die Hintertür ein neues Fach eingeführt wird, wobei jedoch solche Diskussionen hinsichtlich des Lehrplans 21 müssig sind.

Persönlich habe ich mich über die Aussage gefreut, weil sie meine Position bestätigt. Wenn man bisher mit Kantonsverantwortlichen über die Problematik gesprochen hat, dass gewisse Bereiche den Schulkindern einfach nicht rein integrativ zu vermitteln sind, erntete man bislang nur ein vielsagendes Lächeln. Man wusste das natürlich sehr wohl, durfte aber aufgrund des kantonalen Paradigmas nichts anderes sagen. Nun ist man also im Thurgau in der Realität angekommen.

P.S. Die Schaffung eines eigenen Fachs ICT ist erst recht unumgänglich, sollten die viel zu hoch gegriffenen ICT-Ziele im Lehrplan 21 auch tatsächlich umgesetzt probiert werden.